Was eure Publikationen über eure Haltung sagen
Wenn euer barrierefreier Jahresbericht aussieht wie eine Steuererklärung, hat jemand die Reihenfolge falsch gemacht.
Eine Publikation ist nie nur ein Dokument. Sie ist eine öffentliche Aussage darüber, wen ihr für eure Leserschaft haltet – und wen nicht. Wer den Jahresbericht in der Hand hält, liest nicht nur Zahlen und Wirkung. Sie liest, wie ernst ihr eure eigene Sprache nehmt.
Ihr publiziert nicht, um Vorschriften abzuhaken. Ihr publiziert für Förderer, für Mitglieder, für Menschen, die ihr erreichen wollt. Aber sobald „barrierefrei“ auf eurem Bericht steht, wird aus einer Publikation, die für Menschen gemacht ist, ein technisches Dokument, das niemand mehr aufschlägt – und genau die Menschen, die ihr in Studien und Wirkungsberichten meint, blättern nicht weiter.
Das ist kein Designproblem. Das ist eine Haltungsfrage, die im Design sichtbar wird.
Was eine Publikation tatsächlich aussagt
Nehmt eure letzte Publikation in die Hand und lest nicht den Inhalt, sondern die Form. Drei Muster, die in fast jedem Jahresbericht, in fast jeder Studie und in fast jedem Mitglieder-Magazin vorkommen:
Im Jahresbericht liegt das Vorwort des Vorstands vollfarbig auf einer Doppelseite, mit Porträt und großzügigem Weißraum. Der Wirkungsbericht beginnt vier Seiten später in 9 pt, dreispaltig, ohne Bildebene. Das ist eine Aussage darüber, wessen Wort in eurer Organisation Gewicht trägt – und wessen Geschichte sich quetschen lässt.
Die Studie erscheint als 80-seitiges PDF ohne Tags, ohne Lesereihenfolge, ohne Alt-Texte für die Diagramme. Mit einem Screenreader ist sie unbrauchbar. Das ist nicht „noch nicht barrierefrei“. Das ist die Aussage: Wer mit den Augen liest, ist gemeint. Alle anderen sind mitgemeint, wenn es ohne Aufwand klappt.
Das Mitglieder-Magazin erscheint als Hochglanz-Heft. Die „barrierefreie Version“ wird per Mail nachgereicht – oft als Word-Datei, oft mit weggekürzten Bildunterschriften, oft ohne das Layout, das die Hauptfassung trägt. Das ist die Aussage: Es gibt eine richtige Fassung und eine Ersatzfassung. Wer die Ersatzfassung bekommt, bekommt die zweite Wahl.
Jede dieser Entscheidungen wurde getroffen – meistens unbewusst, oft unter Zeitdruck, gelegentlich aus reiner Konvention. Aber sie wurde getroffen. Und in der Summe sagen sie: Es gibt Lesende erster und zweiter Ordnung in unserer Publikation.
Der häufige Reflex: nachträglich draufflicken
Wenn das Häkchen „barrierefrei“ Pflicht wird, läuft die Reaktion in vielen Häusern gleich ab. Die Publikation wird gestaltet wie immer – Konzept, Layout, Bilder, Freigabe. Erst danach geht die fertige Datei zu jemandem, der „das mit der Barrierefreiheit macht“. Tags werden nachträglich in Acrobat reingeklickt. Farben, die im Markenhandbuch stehen, werden kurz vor Druck dunkler, weil der Kontrast plötzlich gemessen wird. Eine zweite Datei wird angelegt, die das auffängt, was die erste nicht trägt.
Das hat zwei Kostenstellen, die unterschiedlich sichtbar sind.
Die operative ist offensichtlich: Doppelarbeit. Layout-Anpassungen, die im Briefing keine zwei Minuten gekostet hätten, werden am Ende zu Tagen Rückwärts-Korrektur. Markenfarben, die nach WCAG-Anpassung nicht mehr eure Farben sind. Eine zweite Datei, die niemand zweimal pflegen will.
Die andere Kostenstelle steht auf der Publikation selbst. Eine Datei, die als Reparatur barrierefrei wurde, sieht aus wie eine Reparatur. Die Brüche bleiben sichtbar – in nachgeschärften Kontrasten, in Schriftgrößen, die einmal anders gedacht waren, in der Word-Version, die nach Standardvorlage aussieht. Und damit sagt die Publikation: Wir haben das nicht von Anfang an mitgedacht. Das war ein Nachtrag.
Was die Lesenden mitlesen, ist nicht: „Diese Organisation nimmt Teilhabe ernst.“ Sondern: „Diese Organisation hat die Vorgaben erfüllt.“
Eine Projektleitung eines geförderten Berliner Demokratie-Projekts hat mir dazu ein Beispiel erzählt. Für eine öffentliche Veranstaltung gab es Fördergeld. Barrierefreiheit war einer der Gründe, mit denen es beantragt wurde. Umgesetzt wurde davon am Ende fast nichts. Übrig blieb ein Aufruf in Leichter Sprache, der noch lange danach hängen blieb – mit Jahreszahlen, die längst nicht mehr stimmten. Einmal für den Antrag gemacht, danach nie wieder angefasst.
Das ist nicht erst am Ende draufgeflickt. Das fängt viel früher an: Barrierefreiheit wird nicht gemacht, sondern nur angegeben. Sie steht im Antrag, nicht im Ablauf.
An dieser Stelle ist ein Einwand fällig, den Fachleute zu Recht machen: Vieles von dem, was hier beschrieben ist, ist streng genommen gar nicht Barrierefreiheit – es ist Nutzbarkeit. Der Einwand stimmt. Und er erklärt genau das Problem, um das es geht: warum ein geprüftes Dokument trotzdem unlesbar sein kann.
Technische Barrierefreiheit ist das, was PDF/UA prüft: Tags, eine sinnvolle Lesereihenfolge, Alt-Texte, ausgezeichnete Tabellenköpfe. Ein hartes, notwendiges Minimum – und die Ebene, auf der ein Prüfwerkzeug ein Häkchen setzt. Darüber, ob ein Mensch den Text versteht, sagt sie nichts.
Zugänglichkeit ist das größere Wort: Schriftwahl und Schriftgröße, Kontraste, eine Sprache, die beim ersten Lesen ankommt – und die kognitiven Barrieren, die kein Prüfprogramm misst. Ein Dokument in 8 pt, gesetzt in Verwaltungsdeutsch, kann die Konformitätsprüfung bestehen und für die Menschen, um die es geht, trotzdem unbrauchbar sein.
In dieser Lücke arbeite ich. Konformität ist die Pflicht – sie lässt sich zur Not am Ende noch herstellen. Zugänglichkeit ist eine Gestaltungsentscheidung – und die lässt sich kurz vor der Veröffentlichung nicht mehr nachrüsten.
„Da hab ich nie drüber nachgedacht, dass man das konkret anfragen sollte.“
– eine Kommunikationsverantwortliche eines Berliner NGO-Vereins, im Gespräch zum Studio-Aufbau
Was es bedeutet, das ernst zu nehmen: Barrierefrei mitgedacht
Dieselbe Kommunikationsverantwortliche beschreibt, woran es im Alltag hakt: „Es ist eine Überforderung auf beiden Seiten – die Dienstleistenden können nicht gut beraten, und die Organisationsseite denkt: was soll ich denn jetzt machen?“ Was sie sich wünscht, ist kein weiteres Tool, sondern jemand, der mitdenkt: „Im Detail bin ich darauf angewiesen, dass mir die Leute sagen: denk nochmal das mit, oder wollt ihr das?“
Wenn Barrierefreiheit ein Gestaltungsproblem ist, dann gehört sie nicht in die letzte Etappe der Produktion. Sie gehört ins Briefing. Mein Studio arbeitet nach einem Prinzip, das ich „Barrierefrei mitgedacht“ nenne. Drei Bewegungen, die zusammen den nachträglichen Reflex unmöglich machen.
Inverse Reihenfolge. BFSG, WCAG und PDF-UA sind keine Endkontrolle. Sie sind Eingangsdaten. Typografie, Farbsystem, Lesereihenfolge, Strukturhierarchie werden vor dem ersten Layout festgelegt, nicht nach dem letzten. Tagging passiert direkt im Quelldokument: in InDesign über MadeToTag, in Word über axesWord. Lesereihenfolge wird im Layout gesetzt, nicht in Acrobat nachgereicht. Damit ist Barrierefreiheit nicht Reparatur, sondern Teil der Gestaltungsdatei selbst.
Markenintegrierter Kontrast. Eure Farben sollen WCAG-AA-konform sein und trotzdem eure Farben bleiben. Das ist die handwerkliche Königsdisziplin: Paletten so entwickeln, dass sie an den richtigen Stellen kontrasten, ohne dass eure Markenidentität nach dem Audit anders aussieht als vor dem Audit. Kein Standard-Schwarz-auf-Weiß als Notausgang. Kein Markenbruch zugunsten der Vorgaben.
Test im Prozess, nicht am Ende. Drei Prüfpunkte – nach Konzept, nach Layout, vor Übergabe – mit PAC, axesCheck, NVDA und Colour Contrast Analyser. Statt einer Schluss-Prüfung, die alles in Frage stellt, kleine Korrekturen entlang des Wegs. Was am Ende übergeben wird, ist nicht „getestet“. Es ist durchgängig durchdacht.
Wenn am Ende „barrierefrei“ auf eurer Publikation steht, ist es kein Aufkleber. Es ist die Datei selbst.
Und mitgedacht heißt nicht: jedes Mal von vorn. Der aufwendigere Teil – das Farbsystem barrierefrei justieren, die Typografie auf Lesbarkeit hin aufbauen, die Vorlagen einmal sauber anlegen – passiert einmal. Danach steht eine Basis, auf der jede weitere Publikation schneller und selbstverständlicher entsteht. Aus dem vermeintlichen Sonderaufwand wird der Normalfall.
Was die nächste Publikation aussagen könnte
Dreht die Lesart um. Stellt euch eine Publikation vor, die von Anfang an mit der ganzen Leserschaft gerechnet hat. Drei kurze Beispiele – dieselben Formate, andere Aussage:
Im Jahresbericht sind Vorwort und Wirkungsbericht typografisch gleichwertig gestaltet. Beide sind für alle gleich gut lesbar. Das sagt: Unsere Wirkung gilt für alle, denen wir sie schulden.
In der Studie haben die Diagramme Alt-Texte, das PDF hat eine Lesereihenfolge, die der inhaltlichen Logik folgt. Das sagt: Wir wollten verstanden werden, nicht nur veröffentlicht.
Im Mitglieder-Magazin liegt eine Datei vor, ein Layout, eine Geschichte. Keine Notfassung neben dem Hochglanz. Das sagt: Wer dieses Heft liest, liest dasselbe Heft – unabhängig davon, wie.
Wer eine solche Publikation in der Hand hält, liest darin, dass ihr die meint, über die ihr schreibt. Auch die, die nicht sehen können. Auch die, die einfache Sprache brauchen. Auch die, die nur lesen können, was kontrastreich genug ist. Diese Aussage trägt kein Pflicht-Häkchen. Sie kommt aus der Gestaltungsentscheidung selbst.
Wie es weitergeht
Bofinger Studio gestaltet Editorial-Publikationen in erster Linie für NGOs, Stiftungen und Behörden – mit Barrierefreiheit als Teil des Briefings, nicht als Schlusskorrektur.
Wenn ihr in den nächsten Monaten an einer Publikation arbeitet – Jahresbericht, Studie, Magazin, Journal, Broschüre – und das, was hier steht, eine Rolle spielt, würde ich gerne mit euch sprechen. 30 Minuten. Kein Verkaufsgespräch. Ihr erzählt, woran ihr gerade arbeitet und wo es haken könnte. Ich höre, was an meinen Hypothesen stimmt – und was nicht.
Ihr bekommt ein zweites Paar geübter Augen auf eure nächste Datei. Ich bekomme, was mir am meisten hilft: ein echtes Verständnis dafür, wie ihr wirklich arbeitet – nicht, wie ich denke, dass ihr arbeitet.